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Das Kino: Kunst und Kultur als gesellschaftliche Lebensader

by Sarah Baumgartner

The following blog post was originally published on The Reboot Project website.

Seit über einem Jahrhundert zeichnet sich die Welt des Kinos und Films als gesellschaftlicher Begleiter aus. Die Kraft bewegter Bilder im gedämpften Licht des Kinosaals – zunächst eingefangen auf Zelluloid und heutzutage in digitalisierter Form – fasziniert Menschen seit jeher. Trotz der Evolution der Technologie und der Art des Filmkonsums sind der Film und das Kino bis heute voneinander untrennbar. Von seinem Ursprung als Unterhaltungsmedium hat sich das Kino mittlerweile zu einem kulturellen Eckpfeiler entwickelt, welcher weit über das bloße Zeigen von Filmen hinausreicht.

In einer Zeit, in der die Bedeutung von Kunst und Kultur für die Gesellschaft, insbesondere angesichts Einschränkungen während der Corona-Pandemie, immer wieder aufkommt und diskutiert wird, gewinnt die Betrachtung der gesellschaftlichen Rolle des Kinos als Kulturinstitution, vor allem in Bezug auf die Gesellschaft von morgen – der jungen Generation – an Relevanz.

Das Kino als Ort gesellschaftlicher Öffentlichkeit

Das Kino ermöglicht kollektive Filmerlebnisse und stellt dabei als Ort der Öffentlichkeit einen Anstoß für gesellschaftlichen Austausch dar. Das Kino erfüllt dabei eine bildende Funktion und trägt zur Förderung von kritischem Denken und Identitätsstiftung bei. Während der kollektiven Filmschau rücken gesellschaftliche Reibungsfelder in den Hintergrund. Soziale und kulturelle Unterschiede verlieren im Dunkeln des Kinosaals vorübergehend an Bedeutung und es entsteht eine Gemeinschaft – zumindest temporär. Als Kulturinstitution schafft das Kino demnach einen Raum für individuelle als auch gemeinschaftliche Erfahrungen und ermöglicht gleichzeitig ein sich positiv auf die psychische Gesundheit auswirkendes willkommenes Entkommen aus dem eigenen Alltag.

Die junge Generation entdeckt das Kino für sich

Eine interessante Entwicklung zeichnet sich hierbei in Europa ab, wo immer mehr junge Menschen nicht nur die Populärkinos besuchen, sondern auch ein wachsendes Interesse an Arthouse-Kino Vorführungen abseits des Mainstreams zeigen. Dieser Trend findet seine Wurzeln beispielsweise in innovativen und finanziell attraktiven Abonnement Modellen wie dem österreichischen „nonstop“-Kinoabo“ oder seinem niederländischen Vorbild und Vorreiter „Cinevillepas“, welche der jungen Generation den Zugang zu alternativer Filmkultur und -bildung ermöglichen.

Das Kino im gesellschaftlichen Leben junger Menschen

Kinos verkörpern im Leben junger Menschen eine intellektuell stimulierende Umgebung, welche einen Beitrag zur Förderung ihrer politischen als auch sozialen Sensibilität leistet. Heutzutage in einer Zeit, in der digitale Medien und globale Krisen omnipräsent sind, ermöglicht das Kino vor allem jungen Menschen in andere Welten einzutauchen und ihre Identitäten formen zu können. Das Kino bietet damit als eine Art Verdauungsapparat die so dringend benötigte psychische Entlastung. Die soziale Erfahrung, welche der Besuch von Kinos bietet, stellt darüber hinaus ein wesentliches Motiv für den Kinobesuch junger Menschen dar. Arthouse-Kinos im Besonderen bieten jungen Menschen einen selbstreflexiven Raum und unterstützen diese durch Filme, welche sich durch thematische Vielfalt auszeichnen, neue Perspektiven zu erlangen und ihre Position innerhalb der Gesellschaft zu finden. Kinos werden von jungen Menschen bewusst, im Sinne einem Bedürfnis des Gemeinschaftsgefühls, genutzt, um sich mit Gleichgesinnten austauschen zu können. Kooperationen mit Bildungseinrichtungen sowie besondere Veranstaltungsreihen wie Filmfestivals tragen ebenfalls dazu bei, dass eine größere Anzahl junger Menschen Kinos frequentiert. Die europäische Kinolandschaft, im besonderen Programmkinos, fördern somit auch die Entwicklung junger Menschen hinzu reflektierenden Persönlichkeiten, welche sich aktiv in gesellschaftliche und kulturelle Diskursen einbringen.

Kino als gesellschaftliche Lebensader

Im Sinne der Position des deutschen Kulturrates   spielen Kunst und Kultur zentrale Rollen in der Gesellschaft, da sie Debatten widerspiegeln, welche ein Auseinandersetzung mit der vorherrschenden Realität fördern. In unserer multiethnischen Gesellschaft fördern Kunst, Kultur und kulturelle Bildung die gesellschaftliche Integration und heben die positiven Aspekte kultureller Vielfalt hervor. Kunst und Kultur verkörpern dabei das menschliche Dasein und verbinden die Vergangenheit mit Visionen einer zukünftigen Gesellschaft. Das Kino als Kulturinstitution schafft dabei einen Raum für kontinuierliche gesellschaftliche Reflexions- und kulturelle Bildungsarbeit. Historisch gesehen spielte das Kino darüber hinaus beispielweise eine zentrale Rolle in Bezug auf die Emanzipation der Frau, indem es Frauen den Zugang zu Kulturveranstaltungen ermöglichte und damit einen gesellschaftlichen Wandel einleitete. Das Kino charakterisiert somit einen unverzichtbaren Bestandteil der Gesellschaft, welcher zentral zur Förderung einer aufgeklärten und kohäsiven Gesellschaft beiträgt.

Insgesamt stellt das Kino demnach einen Ort dar, an dem Menschen wachsen können – als Individuen, als Gemeinschaft sowie in ihrem Wissenshorizont. Um den Zugang zu Filmkultur erleichtern und kulturelle Bildung fördern zu können, ist es daher unabdingbar, das Kino weiterhin in den Fokus der Forschung zu rücken und gleichzeitig die Notwendigkeit von Kunst und Kultur für unsere Gesellschaft zu unterstreichen.

References

Deutscher Kulturrat. (2010, 8. Oktober). Kunst und Kultur als Lebensnerv. Kulturrat.de. https://www.kulturrat.de/positionen/kulturfinanzierung/

Dirk, V. (2022, 16. November). Mehr als leistbar: Abo-System für die Programmkinos. DER STANDARD. https://www.derstandard.at/story/2000140871639/mehr-als-leistbar-abosystem-fuer-die-programmkinos

Hanich, J. (2021). Kino als kollektiver Erfahrungsraum: Die Öffentlichkeit des Kinos. In Handbuch Filmtheorie (pp. 459–477). Springer Fachmedien. https://doi.org/10.1007/978-3-658-08998-6_24

Prommer, E. (2016). Das Kinopublikum im Wandel: Forschungsstand, historischer Rückblick und Ausblick. In Handbuch Kulturpublikum. (pp. 329–366). Springer Fachmedien. https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-531-18995-6_10

Prommer, E. (2021). Kinopublikumsforschung. In Handbuch Filmsoziologie. (pp. 475–491). Springer Fachmedien. https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-658-10729-1_33

Zahn, M. (2015). Das Kino als ein Dispositiv filmischer Bildung. In Medien – Bildung – Dispositive. (Vol. 30, pp. 129–140). Springer Fachmedien. https://doi.org/10.1007/978-3-658-07186-8_8


Sarah Baumgartner is a M.A. student at the Department of Communication at the University of Vienna.

Disclaimer

This blog post is part of the ‘Dissemination, Outreach, and Engagement’ activities organized under Work Package 7 of the REBOOT: Reviving, Boosting, Optimizing, and Transforming European Film Competitiveness project. This project has received funding from the Horizon Europe program of the European Union under the Grant Agreement No 101094769. It does not reflect the views of the European Union and is a publication encapsulated within the project.

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