By Rahsan Eylem Cakir
Frauen mit Migrationsbiografie, besonders diejenigen, die in Österreich bereits seit Generationen leben, können in den letzten Jahren eine bessere Ausbildung und sehr gute Sprachkenntnisse vorweisen, denn das Beherrschen der Staatssprache spielt in der Integrationspolitik eine Schlüsselrolle. Sprachkenntnisse und Bildung sind wichtige Voraussetzungen für eine erfolgreiche Einbindung von Migrantinnen in den Arbeitsmarkt aber auch für die Teilhabe an vielen Bereichen des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens in Österreich. Trotz dieser Befunde ist der Zugang für Migrantinnen zum österreichischen Arbeitsmarkt oft mit Hürden verbunden. Die Gründe dafür sind vielfältig, wie zum Beispiel fehlende Kinderbetreuungsplätze, spezifische Benachteiligungen, fehlende Berufsanerkennung oder aber auch Diskriminierung, um hier nur einige zu nennen. Dadurch können Hemmnisse und Barrieren aus der Perspektive der Betroffenen erlebt und wahrgenommen werden.
Hemmnisse und Barrieren können sich aufgrund kultureller Herkunft, bi-kultureller Sozialisation, mangelnder Qualifizierung, fehlender Netzwerke, aber auch durch Überqualifizierung oder Vorurteile gegenüber und Diskriminierung von Migrant*innen ergeben (Berry 1980; Gudykunst 1985; Esser 1980). Durch Diskriminierungserfahrungen kann die Motivation, sich am Arbeitsmarkt zu integrieren sinken.
Auch kann die Migrationsbiografie, die Erfolgsaussichten von Personen, unabhängig von ihrer Ausbildung und ihren nachweislichen schulischen Leistungen negativ beeinflussen. Ethnische und kulturelle Merkmale können systematisch mit Ungleichheiten in Bildung, Zugang zum Arbeitsmarkt oder gesellschaftlicher Anerkennung verbunden sein. Die Migrationsbiografie kann daher als Merkmal gelten, das ein Hindernis beim Zugang zum Erwerbsleben begründet. Vor diesem Hintergrund scheinen die Bemühungen und Forderungen, Migrant*innen möglichst erfolgreich in die Arbeitswelt oder das Ausbildungssystem im Aufnahmeland zu integrieren, und damit einer wachsenden individuellen Frustration entgegenzuwirken, von großer Relevanz. Frustration kann sich u.a. durch Ausgrenzung, Diskriminierung, Identitätskonflikte, Arbeitslosigkeit und soziale Herkunft einstellen. Wenn Personen mit Migrationsbiografie Diskriminierungserfahrung in der Arbeitswelt, in Freizeit, im Gesellschaftsleben oder Bildungseinrichtungen machen, kann es zu weitreichenden Konsequenzen, wie zum Beispiel mangelnder Integrationsbereitschaft, kommen. „Vergesellschaftung spielt sich in so genannten modernen Gesellschaften zu einem guten Teil in der Sphäre der Erwerbsarbeit ab“ (Bitzan 2004, 29). Auch bringt die Erwerbstätigkeit und damit verbundene Einkommen eine Erleichterung für Frauen, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können.
Interkulturelle Kommunikation
Die Erforschung der interkulturellen Kommunikation zielt darauf ab, kulturbedingte Handlungs- und Sichtweisen, Einstellungen, Verhaltensweisen, Werte und Konventionen zu analysieren und zu untersuchen. Der Einfluss dieser Faktoren auf Kommunikation und Zusammenarbeit von Menschen verschiedener Kulturen steht im Fokus der Untersuchungen (Hepp 2006; Hofstede 1980; Gudykunst 1991). Beziehungen zwischen verschiedenen Kulturen können in Zeiten der Globalisierung eine besondere Herausforderung darstellen. Folglich können interkulturelle Missverständnisse kulturgebundene Interferenzen verursachen, die mit den der Kultur jeweils eigenen Interaktionsstilen und Deutungen zusammenhängen. Infolgedessen treten mögliche Differenzen bei der interkulturellen Kommunikation besonders hervor. Bei der interkulturellen Zusammenarbeit sei es auf beruflicher Ebene oder in der „alltäglichen“ Kommunikation, kann es daher verstärkt zu Fehldeutungen und Irrtümern kommen.
Interkulturelle Kommunikation im Erwerbsleben als Herausforderung oder Barriere für Frauen mit Migrationsbiografie war lange Zeit ein Desiderat der Migrationsforschung. Der Blick dieser Forschungsrichtung war viel zu oft lediglich auf Diplomat*innen oder Geschäftsleute gerichtet, die im Ausland arbeiten und mit interkultureller Kommunikation konfrontiert wurden (Hall 1976; Hall & Hall 1990; Hofstede 1997, 1980). Die zunehmende Pluralität der Kulturen in modernen Gesellschaften erfordert aber längst eine Öffnung der Perspektive. Das Phänomen der interkulturellen Kommunikation bedarf auch in Zusammenhang mit Aspekten der Bildungs- und Erwerbsbiografien anderer definierter Personengruppen vertiefter wissenschaftlicher Einsicht und Erkenntnisse, die z.B. sozialpolitische Entscheidungen mit evidenten Argumenten stützen können.
Herausforderungen in Zusammenhang mit interkultureller Kommunikation, speziell im Erwerbsleben zu eruieren und näher zu bestimmen, sie aber nicht als Stigma zu sehen, sondern einen Perspektivenwechsel zu initiieren, ist eine Perspektive. Ein offener und möglichst vorurteilsfreier Blick auf Frauen mit Migrationsbiografie anerkennt sie als Personen mit individuellen Lebensentwürfen, begegnet ihnen mit Respekt und Wertschätzung und würdigt sie u.a. auch als wertvolle Mitglieder der Gesellschaft, in der sie leben und arbeiten, mithin u.a. auch zum Staatshaushalt beitragen. Diese achtsame Perspektive berücksichtigt auch ihre Leistungen, im privaten Alltag wie im Erwerbsleben, und orientiert sich nicht an Defiziten und Problemstellungen, sondern an Ressourcen und Chancen. Mit dieser Blickrichtung wird es auch möglich, die thematisierte Personengruppe als Bereicherung für eine Gesellschaft zu sehen und z.B. Vorteile für eine Volkswirtschaft, die sich im interkulturellen Kontext ergeben, hervorzuheben (Gudykunst 1991, 1983, 1985; Esser 1980, 2001, 2007; Gudykunst & Kim 2003). Die kulturelle Vielfalt, die in vielen europäischen Ländern, vor allem in urbanen Räumen vorzufinden ist, ist ein Potenzial für die Innovationskraft und Dynamik für die Gesellschaften.
Quellen
- Berry, John W. (1980): Acculturation as Varieties of Adaptation. In: Padilla, Amado M. (Hg.): Acculturation: Theory, Models, and Some New Findings. Boulder, CO, Westview, S. 9-25.
- Bitzan, Renate (2004): “Die Mädels mit den Kopftüchern, die sind auf jeden Fall noch
- nicht so emanzipiert in ihrer Kultur” Zu Konstruktionen von ,Geschlecht’ und
- ,Ethnizität’ bei weiblichen Industriebeschäftigten, S. 29-48.
- Esser, Hartmut (1980): Aspekte der Wanderungssoziologie: Assimilation und Integration von Wanderern, ethnischen Gruppen und Minderheiten. Eine handlungstheoretische Analyse. Darmstadt: Hermann Luchterhand Verlag.
- Esser, Hartmut (2001): Integration und ethnische Schichtung / Hartmut Esser – Mannheim: (Arbeitspapiere – Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung; Nr. 40) ISSN 1437-8574, URL: http://www.mzes.uni-mannheim.de/publications/wp/wp-40.pdf, Zugriff: 06. 07. 2020.
- Esser, Hartmut (2007): Sprache und Integration. Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse aus Esser, Hartmut (2006): Sprache und Integration. Die sozialen Bedingungen und Folgen des Spracherwerbs von Migranten. Frankfurt/M.: New York: Campus Verlag. URL: http://www.migration-boell.de/web/integration/47_1472.asp, Zugriff: 05. 06. 2020.
- Gudykunst, William B. (1991): Bridging Differences: Effective Intergroup Communication. Newbury Park, London, New Delhi: Sage Publications.
- Gudykunst, William B. (1983): Intercultural Communication Theory. Beverly Hills: CA: Sage.
- Gudykunst, William B. (1985): A model of uncertainty reduction in intercultural encounters. Journal of Language and Social Psychology, 4(2), S. 79-98.
- Gudykunst, William B.; Kim, Young Yun (2003): Communicating with Strangers. An Approach to Intercultural Communication. New York/Mc Graw-Hill.
- Hall, EdwardT. (1976): Beyond Culture. New York: Doubleday.
- Hall, EdwardT.; Hall, MildredR. (1990): Understanding Cultural Differences, Germans, French and Americans. Yarmouth: Intercultural Press.
- Hofstede, Geert: (1980): Cultures Consequences. International Differences in Work-Related Values. Newbury Park, CA.
- Hofstede, Geert (1997): Lokales Denken, Globales Handeln. Kulturen, Zusammenarbeit und Management. München: Beck Verlag.
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