Veränderte Mediennutzung unter jungen Menschen…eine demokratiepolitische Gefahr?
By Clemens Linhart
Am 30. Juni 2023 erschien die älteste Zeitung der Welt zum letzten Mal als gedruckte Ausgabe. Die Wiener Zeitung existiert als Printprodukt seit 1703, ab Juli nur noch online. Die Gründe dafür – vielfältig und politisch bedingt. Doch zusammenfassend gibt es zu wenige Abonnenten und zu wenig Umsatz (Der Standard, 2023). Die Wiener Zeitung steht exemplarisch für ein Phänomen, dass gerade unter den jungen Medienkonsument:innen weit verbreitet ist. Klassische Nachrichten, übers Fernsehen, Radio oder Zeitungen, funktionieren bei jungen Menschen nicht mehr und verlieren deshalb an Umsatz und Reichweite. Das zeigt auch der Digital News Report 2022, verfasst von der Oxford University. EU-weit nutzen bereits rund 18 Prozent soziale Medien als ihre Hauptnachrichtenquelle. In Österreich sind es etwa 13 Prozent. In der Altersgruppe von 18-24 Jahren ist Social Media jedoch bei über 41 Prozent die Hauptnachrichtenquelle. Kein anderes Medium wird in dieser Generation so oft genutzt (Digital News Report, 2022). Doch diese Entwicklung bedroht womöglich unsere Demokratie…!
Medien als zentraler Bestandteil der Demokratie
Unsere Demokratie braucht Medien. Insbesondere medial vielfältige und pluralistische Angebote sind Grundvoraussetzung dafür, dass sich jede:r Bürger:in eine freie, eigene Meinung bilden kann. Das wiederum ist eine Grundsäule der Demokratie (Hasebrink, 2016). Dass sich die Mediennutzung insbesondere unter jungen Menschen verändert, sorgt auch für einen Wandel in der Öffentlichkeit. Denn dadurch verändert sich „Erfahren von, Erleben von und Teilhaben an Öffentlichkeit“ (Magin, Rußmann & Stark, 2021). Doch dass Social-Media Plattformen den klassischen Medien Konkurrenz machen und sie unter jungen Menschen längst verdrängt haben, birgt etliche Nachteile für unsere Gesellschaft und folglich für unsere Demokratie.
Dank Social Media fällt es zwar leichter an der öffentlichen Meinungsbildung mitzuwirken, doch die Tech-Konzerne betreiben diese Plattformen nicht nach qualitativ-hochwertigen Journalismus- Standards, sondern mit Algorithmen (Magin, Rußmann & Stark, 2021). Und deren Logik ist in der Regel wirtschaftlich effizient und gewinnorientiert – also darauf ausgerichtet, dass man möglichst lange online bleibt, um möglichst viel Werbung zu konsumieren (Götz-Votteler und Simone Hespers, 2019). Außerdem verzerrt Social Media häufig die Stimmungsbilder, sodass ein falscher Eindruck der öffentlichen Meinung entsteht (Magin, Rußmann & Stark, 2021).
Demokratiepolitische Gefahren durch soziale Medien
Doch Social Media birgt noch weitere Nachteile bei der Medienkonsumation.
In den sozialen Netzwerken kann jede:r Meinungen verbreiten, ist dabei aber nicht verpflichtet bei Informationsweitergabe auf Richtigkeit zu achten. Solange damit keine illegalen Handlungen umgesetzt werden, wie beispielsweise Verleumdung, kann also alles verbreitet werden. Fake News und Verschwörungstheorien stoßen daher in Social Media Kanälen auf fruchtbaren Boden. Dazu kommt die enorme Reichweite, die im Netz erzielt werden kann. Ein:e einzelne:r Influencer:in, die:der sich nicht an redaktionelle Standards, wie ein:e klassische:r Journalist:in halten muss, kann folglich binnen kürzester Zeit Millionen Menschen erreichen und ihnen ungeprüfte Daten und Fakten als wahr verkaufen. Wenn diese Influencer:innen nun klare Wahlempfehlungen abgeben oder politische Entscheidungen kritisieren oder womöglich sogar Verschwörungstheorien verbreiten, kann das eine enorme demokratiepolitische Kraft entwickeln, die durchaus Gefahren mit sich bringt (Götz- Votteler und Simone Hespers, 2019).
Daneben darf man die Macht der sogenannten „Filter Bubbles“ nicht unterschätzen. Soziale Medien basieren auf Algorithmen, die User:innen Vorschläge machen, was sie interessieren könnte, anhand der in der Vergangenheit konsumierten Informationen. Anders als Journalist:innen, die Nachrichten auswählen, die aktuell sind und im Allgemeininteresse liegen, präsentieren die sozialen Netzwerke immer nur Beiträge, die den Interessen der Leser:innen entsprechen. Damit verliert man den Blick über den Tellerrand. Die Nutzer:innen erhalten beispielsweise nur noch Nachrichten, die der eigenen politischen Orientierung entsprechen. Es gibt also in der Welt der sozialen Medien gefühlsmäßig für die User:innen keine andere Meinungen mehr. Auch das ist demokratiepolitisch äußerst bedenklich, denn wie bereits anfänglich erwähnt, ist die Demokratie von Meinungsvielfalt geprägt. (Götz- Votteler und Simone Hespers, 2019).
Conclusion
Dass junge Menschen vermehrt Nachrichten über soziale Medien konsumieren, ist nicht per se etwas Schlechtes. Allerdings bergen die Dynamiken der sozialen Netzwerke demokratiepolitische Gefahren, die man nicht außer Acht lassen darf. Fake News können sich leicht verbreiten, User:innen und Influencer:innen unterliegen keinen redaktionellen Standards bei der Verbreitung von Informationen, und schließlich erzeugen die Algorithmen Filterblasen, die dafür sorgen, dass man vermehrt Meinungen wahrnimmt, die der eigenen entsprechen und man keine umfassenden Informationen zu einem Thema mehr erhält. Bei der Nutzung sozialer Medien als Hauptinformationsquelle ist also der:die Konsument:in gefordert, sich auch gezielt mit anderen Informationen ein umfassendes Meinungsbild zu schaffen. Dass viele Menschen dazu aber nicht bereit sind, lässt sich auch anhand der menschlichen Eigenheit des sogenannten motivated reasoning erklären. Denn wir Menschen tendieren dazu, Informationen, die unsere eigene Meinung unterstützen, stärker zu gewichten als Gegenargumente (Götz-Votteler und Simone Hespers, 2019). Daher sind wohl auch die klassischen Medien gefordert. Um diesen Dynamiken entgegenzuwirken, könnte der klassische Journalismus versuchen, wieder attraktiver für junge Konsument:innen zu werden. Fernsehsender könnten mit On Demand und Streaming Möglichkeiten versuchen, junges Publikum anzusprechen. Aber auch Zeitungen und Radiosender könnten ihre Online-Angebote entsprechend erweitern, um auch für die junge Generation interessant zu sein. Schließlich wird aber der klassische Journalismus nicht darum herumkommen, sich vor allem themenmäßig zu verändern, um Beiträge zu kreieren, die auch junges Publikum ansprechen.
Quellen
- Der Standard (2023, 29. Juni). Das ist die letzte „Wiener Zeitung“. Der Standard.
- https://www.derstandard.at/story/3000000176862/das-ist-die-letzte-wiener-zeitung. Zugegriffen: 1.
- Juli 2023.
- Götz-Votteler, Katrin; Hespers, Simone (2019): Alternative Wirklichkeiten? Wie Fake News und Verschwörungstheorien funktionieren und warum sie Aktualität haben. 1. Auflage (X-Texte zu Kultur und Gesellschaft). Kapitel 6.
- Hasebrink, U. (2016). Meinungsbildung und Kontrolle der Medien. In Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.), Dossier Medienpolitik. https://www.bpb.de/gesellschaft/medien-und- sport/medienpolitik/172240/meinungsbildung-und-kontrolle-der-medien. Zugegriffen: 30. Juni 2023.
- Magin, M., Rußmann, U. & Stark, B. (Eds.) (2021). Demokratie braucht Medien. [Democracy needs Media]. Wiesbaden: Springer VS.
- Newman, N. (2022, 15. Juni). Overview and key findings of the 2022 Digital News Report. Overview and key findings of the 2022 Digital News Report | Reuters Institute for the Study of Journalism (ox.ac.uk). Zugegriffen: 1. Juli 2023.
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