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Medienkompetenz bei Jugendlichen – besteht immer noch Handlungsbedarf?

By Ruben Farke

In einem funktionierenden, demokratischen System ist die Beteiligung der Bevölkerung am öffentlichen Diskurs von hoher Bedeutung. Jürgen Habermas erkannte früh die Relevanz des öffentlichen Diskurses und der freiheitlich öffentlichen Sphäre für die Demokratie (Habermas, 1929). Ein gut funktionierender öffentlicher Diskurs ermöglicht es Bürger*innen sich auszutauschen, Informationen zu teilen und politische Fragen zu debattieren. Grundlage für eine Beteiligung an diesem öffentlichen Diskurs, ist das Verständnis der Medienberichterstattung und somit die Medienkompetenz. 2009 unterstreicht die Europäische Kommission in einer Empfehlung, die Relevanz von Medienkompetenz (European Commission, 2009).

Vor allem Jugendliche und Kinder sind auf ihre Medienkompetenz angewiesen, um früh die zunehmend komplexer werdende Medienlandschaft navigieren und sich im Anschluss am öffentlichen Dialog beteiligen zu können. Der Status quo zum Thema Medienkompetenz bei Jugendlichen ist allerdings alarmierend. So geht die Fähigkeit von Jugendlichen, selbstständig Nachrichten zu bewerten und einzuordnen, massiv zurück (Reuters Institute for Study of Journalism, 2023). Zudem verschiebt sich die Auswahl des

konsumierten Medienmix in der jungen Bevölkerung. Traditionelle Medienformate und etablierter Journalismus werden so immer seltener von der jungen Bevölkerung konsumiert, bevorzugt werden für den Nachrichtenempfang eher Social-Media Formate (Newman, 2023, S. 11). Im Vergleich geht der Trend in den jüngeren Bevölkerungsschichten immer mehr dazu über, sich bei Influencern auf z. B. Instagram täglich mit Informationen zu versorgen.

Da frei gestaltete Medienformate weniger Regulation und Kontrolle unterliegen, ist in diesem Zusammenhang ein besonders hoher        Anspruch an die Medienkompetenz der Rezipierenden gestellt, denn die Qualität der Informationen muss selbst bewertet werden (Weber, 2022).

Missstände in der Medienkompetenz wurden bereits 2009 von der Europäischen Kommission unterstrichen. Es scheint allerdings immer noch Handlungsbedarf, vor allem durch aktuelle Entwicklungen zu bestehen. Um den Zusammenhang weiter zu beschreiben, gilt es nun die individuellen Unterschiede von Medienkompetenz darzustellen.

Wirkungsgeflecht Medienkompetenz

Der Status der Medienkompetenz Jugendlicher in der Europäischen Union, lässt sich nicht direkt aus z. B. der allgemeinen Qualität des Bildungssystems eines Mitgliedsstaates ermitteln, sondern bedarf einer umfassenden Herangehensweise. Es gibt mehrere Gründe, warum es Unterschiede in den individuellen Fähigkeiten und Erfahrungen von Jugendlichen im Bereich der Medienkompetenz gibt.

  • Zugang zu Technologie
    Innerhalb der Europäischen Union gibt es immer noch Missstände über den gleichberechtigten Zugang zu Internet. Natürlich muss ein Zugang in einem regulierten und informierten Rahmen erfolgen, Kompetenz im Umgang mit Onlinemedien kann allerdings nur dann erlangt und ausgebaut werden, wenn ein grundlegender Zugang gesichert ist. In diesem Zusammenhang ist neben der grundsätzlichen Verfügbarkeit eines Internetzugangs auch die Geschwindigkeit relevant. Moderner Datenverkehr im Internet wird immer speicherintensiver und verlangt neben höherer Prozessorleistung auch mehr Bandbreite. Fortschritte in Bezug auf die Internetgeschwindigkeit wurden in Deutschland z. B. 2022 gemacht, wo auf Grundlage einer Verordnung der Bundesnetzagentur eine Mindestgeschwindigkeit eingefordert werden kann (Tagesschau, 2022).
  • Sozioökonomischer Hintergrund
  • Der sozioökonomische Hintergrund von Jugendlichen in der EU hat neben allgemeinen Auswirkungen auf den Lebensstandard und das Bildungsniveau auch Einfluss auf die Medienkompetenz. Neben dem einfacheren Zugang zu Technologie haben sozioökonomisch höher gestellte Jugendliche, oft bessere Kenntnisse und Fähigkeiten, die z. B. von Eltern vermittelt werden. Studien die im Rahmen des EU-Projekts „EU Kids Online“ durchgeführt wurden, belegen die hohe signifikante Relevanz des sozioökonomischen Status (Livingstone, 2011).
  • Bildungsniveau der Eltern
    Neben allgemein bekannten Auswirkungen des Bildungsniveaus der Eltern, auf z. B. die Bildungsmobilität der Kinder, gilt es auch die direkte Auswirkung auf die Medienkompetenz zu beachten (Mascheroni, 2014). Eltern mit einem höheren Bildungsniveau sind demnach meist in der Lage, ihren Kindern bessere digitale Unterstützung zu bieten. Kritisches Hinterfragen, eine nachhaltige Bewertung von Information und die Bereitschaft zum Meinungsaustausch werden durch ein höheres Bildungsniveau begünstigt (Holloway, 2013).
  • Kulturelle und sprachliche Kompetenzen
    Jugendliche, die mit unterschiedlichem, kulturellem Hintergrund oder einem Migrationshintergrund aufwachsen, können unterschiedliche Erfahrungen und Fähigkeiten im Umgang mit Medien haben. In einem durch Englisch geprägtem Internet können, z. B. sprachliche Barrieren den Zugang zu Informationen und Bildungsressourcen und folglich den Erwerb von Medienkompetenz erschweren (Sonja Livingstone, 2011).
  • Bildungsangebot und Unterstützung
    Die Verfügbarkeit von Bildungsangeboten, Schulungen und individuelle Unterstützung, kann einen großen Einfluss auf die Medienkompetenz haben. Jugendliche, die Zugriff auf Ressourcen der Medienbildung haben und von engagierten Fachleuten im z. B. schulischen Umfeld Unterstützung erfahren, haben eher die Möglichkeit, Fähigkeiten und Erfahrungen im Bereich der Medienkompetenz zu erweitern (Coyne, 2017, S. 115).

Nun ist klar, wie komplex die individuellen Wirkungsfaktoren von Medienkompetenz Jugendlicher in der EU sind. Um ein scharfes Bild der Situation zeichnen zu können, bedarf es also der Berücksichtigung einer ganzen Fülle von Variablen, welche gemeinsam auf die Medienkompetenz von Jugendlichen wirken. Wichtig ist zu erwähnen, dass alle angeführten Faktoren eng miteinander verwoben sind, und in einer Wechselbeziehung stehen. Das Bildungsniveau der Eltern beeinflusst somit z. B. den sozioökonomischen Status usw. Außerdem gibt es auch gesamtgesellschaftliche Prozesse, die alle genannten Faktoren gleichzeitig betreffen.

Gesamtgesellschaftliche Wirkungsprozesse

Ein wesentlicher Prozess, der die Sphäre des 21. Jahrhunderts kennzeichnet und für die Medienkompetenz besondere Relevanz hat, ist die gesamtgesellschaftliche Beschleunigung (Rosa, Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne, 2005). Vor allem eine stetige Weiterentwicklung von Informationstechnologie hat zu einer Beschleunigung der Kommunikation geführt (Rosa, 2013). Auswirkungen dieses Prozesses sind z. B. die abnehmende Konzentrationsspanne Jugendlicher. Immer mehr Informationen werden, in immer kürzerer Zeit verarbeitet, was eine umfangreiche Reflexion und mögliche Hinterfragung der Inhalte erschwert. Kritische und fundierte Beschreibung von Sachzusammenhängen benötigt Zeit. Zeit, die im Alltag kaum noch zur Verfügung steht. Auch die wissenschaftliche Beschreibung des Status quo wird problematisch, da eine ausgearbeitete Studie meist schon bei der Veröffentlichung als veraltet gilt. Die Beschleunigung der Kommunikation führt zunehmend zu einer Informationsflut, dem das Individuum gegenübersteht (Weber, 2022).

Zusammenfassung

Die Dargestellte Thematik und Wirkungsstruktur machen deutlich, dass ein eventueller Lösungsansatz der Komplexität gerecht werden muss. Nur eine interdisziplinäre Vorgehensweise kann zu einer nachhaltigen Verbesserung der Medienkompetenz Jugendlicher beitragen. Ebenso muss auf Makro- Meso- und Mikro Ebene angesetzt werden. Förderung muss, im allgemeinen Bildungssystem ermöglicht, sowie an lokale Verhältnisse und individuelle Lebensumstände angepasst werden. Nur wenn die europäische Jugend eingebettet in ihr soziales Umfeld betrachtet wird, kann eine Kompetenz im Umgang mit Medien nachhaltig gefördert werden.

Literaturverzeichnis

  • Coyne, S. M. (2017). Parenting and digital media. Pediatrics, 112-116.
  • European Commission. (2009). on media literacy in the digital environment for a more competitive audio visual and content industry and an inclusive knowledge society. Official Journal of the European Union.
  • Habermas, J. (1929). Strukturwandel der Öffentlichkeit: Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Holloway, D. L. (2013). Zero to eight: young children and their internet use. London: The London School of Economics and Political Science.
  • Livingstone, S. H. (2011). Risks and safety on the internet: the perspective of European children: full findings and policy implications from the EU Kids Online survey of 9- 16-year-olds and their parents in 25 countries.
  • Mascheroni, G. a. (2014). Net Children Go Mobile. Milano: Educatt.
  • Newman, N. (14.06.2023). Overview and key findings of the 2023 Digital News Report.
  • Digital News Report 2023, 9-29.
  • Reuters Institute for Study of Journalism. (2023). Digital News Report 2023. Reuters Institute and University of Oxford.
  • Rosa, H. (2005). Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne.
  • Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Rosa, H. (2013). Beschleunigung und Entfremdung: Entwurf einer kritischen Theorie spätmoderner Zeitlichkeit. Berlin: Suhrkamp.
  • Sonja Livingstone, L. H. (2011). Risks and safety on the internet: the perspective of European children: full findings and policy implications from the EU Kids Online Survey of 9-16 years old and their parents in 25 countries. London: EU Kids Online Network.
  • Tagesschau. (2022). Recht auf schnelles Internet beschlossen. tagesschau.de.
  • Abgerufen am 20.06.2023 von
  • https://www.tagesschau.de/wirtschaft/technologie/schnelles-internet-deutschland- gesetz-101.html
  • Weber, S. (2022). In the Age of Crises & Fake News: The Potential of Critical Media Literacy. Media Governance and Industries Lab Blog.

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