Media Governance and Industries Lab Blog

Schutz von Frauen in der europäischen Union

– Eine klaffende Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit –

By Raphael Sampt

“The EU protects women and children from gender-based and domestic violence.” So formuliert die EU-Kommission den Leitspruch zur Kampagne zum Schutz von Frauen vor geschlechtsspezifischer Gewalt auf ihrer offiziellen Website. Im Zuge der „EU Gender Equality Strategy“ veröffentlicht die Europäische Union jedes Jahr (oft wage formulierte) Maßnahmen und Leitlinien, die Frauen ein gewaltfreies Leben ermöglichen sollen. Diese besteht leider oft nur aus Empfehlungen oder losen Leitfäden für Mitgliedsstaaten, da der EU in vielen Angelegenheiten rechtlich die Hände gebunden sind und sie lediglich Mahnungen oder Beschwerden aussprechen kann. Trotzdem wird emanzipatorisch und zielorientiert das Gefühl suggeriert, es werde alles getan, um patriarchale Gewalt zu bekämpfen. Vom Austausch von Schutzprogrammen mit anderen EU-Staaten bis hin zu eigenem Gender – Forschung werden die starken Bemühungen zum Ausdruck gebracht. Zudem werden Portale zum Austausch unter Frauen und Seminare zur feministischen Sensibilisierung beworben. Die Europäische Union scheint also deutlich die Gleichstellung von Frauen zur Realität machen zu wollen. Doch wie spiegelt sich dieses hochgepriesene Engagement in der Realität wider?
Jüngstes Beispiel für eine grenzüberschreitende und somit EU – Thematik auf diesem Gebiet sind die Missbrauchsvorwürfe gegen Rammstein – Frontsänger Till Lindemann. Mehrere Dutzend Frauen berichten in den letzten Wochen, sie seien Opfer von organisierter, sexualisierter Gewalt auf Rammstein – Konzerten geworden. Sie werfen der Band vor, gezielt für Sex mit Till Lindemann rekrutiert und dafür zum Teil sogar unter Drogen gesetzt worden zu sein. Ausgehend von der Nordirin Shelby Lynn, die durch Interviews mit mehreren deutschen Zeitungen den Stein ins Rollen brachte, häuften sich die Erfahrungsberichte von Frauen aus aller Welt, denen ähnliches widerfuhr. Zahlreiche handfeste Beweise wie Whatsapp- und Instagram Chats belegen die Bemühungen von Rammstein-Mitarbeitern, junge und womöglich sogar minderjährige Frauen für Pre- und Aftershowpartys zu gewinnen. Auf Konzerten sollen Mädchen aus der „Row Zero“ zu vielversprechenden Events nach der Show eingeladen worden sein, die sich lediglich als systematisches „Casting“ für sexuellen Kontakt mit Lindemann entpuppten. Auch von detaillierten sexuellen Übergriffen während und nach den Shows wird in einigen Fällen berichtet. Seit Wochen laufen nun nationale Ermittlungen gegen die Band, bis dato ist die Beweislage jedoch wohl noch zu schwach, um rechtliche Konsequenzen zu ziehen.
Wie reagiert nun also eine übergeordnete Instanz, wie die Europäische Union auf systematische Ungerechtigkeiten dieser Art? Richtig: überhaupt nicht. Dieser akute Sachverhalt ist ein Paradebespiel dafür, dass die Umsetzung der so „hoch priorisierten“

Bekämpfung von gender – based violence in den europäischen Gremien zu wünschen übriglässt. Auf medialen Kanälen der EU wird die Thematik keineswegs dargestellt. Weder auf Websites der EU – Kommission, noch auf Social-Media-Kanälen findet das Thema Gehör. Vor dem Hintergrund, dass nationale Medien das Schicksal der Frauen zwar darstellen, ihre Aussagen jedoch oft relativieren und die Glaubwürdigkeit infrage stellen, ist es Aufgabe der grenzübergreifenden Vereinigungen, Opfern auf internationaler Ebene eine Plattform zu bieten und Sichtbarkeit zu schaffen. Dass durch vorherrschende patriarchale Machtstrukturen Frauen, die öffentlich den Mut haben, über sexualisierte Gewalt zu sprechen, zögernder geglaubt wird, zeigen zahlreiche Kommentarspalten unter Statements zum Rammstein – Fall. Das sogenannte „gaslighten“, also Absprechen von objektiv durchaus berechtigten Meinungen oder Anliegen, ist bei Frauen leider keine Seltenheit.
Nichtsdestotrotz sind die Auflösung und Bekämpfung solcher tief verankerten Dynamiken Aufgabe aller nationaler sowie internationaler Organisationen. Das Engagement und die Bereitschaft der EU, Frauen aus struktureller Benachteiligung zu helfen, bleibt also zum Teil nur heiße Luft. Auch mögliche Präventionsmaßnahmen, die weitere Missbräuche verhindern könnten, bleiben unerwähnt. Beispielsweise eine simple Empfehlung, die laufende Tour staatenübergreifend zu pausieren, bis die Vorwürfe gerichtlich widerlegt sind, bleibt aus. Vor allem in ethischen Angelegenheiten hält sich die Europäische Union mit ihrer Meinung in öffentlichen Foren oft sehr bedeckt. Da Fälle wie dieser leider keine Rarität sind, appelliere ich stark in meinem eigenen Interesse und jenem, aller von Gewalt betroffenen Frauen an die unabhängigen EU – Gleichstellungsbeauftragten, sich öffentlich klar zu positionieren, um die ersten Schritte gegen strukturelle Benachteiligung von Frauen einzuleiten.

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