By Anne Jacobi
Die Mondlandung ist eine Inszenierung der NASA, die Erde eine Scheibe, und wir werden von einem versteckten Staat regiert, der versucht, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Was nach einem schlechten Witz klingt, halten Anhänger von Verschwörungstheorien für wahr – und kann für die Gesellschaft und unsere Demokratie gefährlich werden (Götz-Votteler & Hespers, 2019).
Verschwörungstheorien sind kein neuzeitliches Phänomen. Seit Jahrzehnten beschäftigen sich Wissenschaftler und Historiker mit ihren Inhalten und politischen Auswirkungen. Sie sind so alt wie unsere Sprache. Die Erfindung des Buchdrucks vereinfachte die Verbreitung, im 17.
Jahrhundert kam die Entstehung des Zeitungswesens und damit die Entwicklung effizienter Zeitungsdruckmaschinen hinzu. Mit der Digitalisierung vereinfacht sich die Ausbreitung. Durch das Internet hat heute jeder die Möglichkeit, eine Vielzahl an Menschen zu erreichen (Endrass et al., 2021).
Viele Verschwörungstheorien bauen auf jahrhundertealten Erzählungen auf, und stützen vor allem antisemitische und antidemokratische Überzeugungen (Pöhlmann, 2021). Aktuelle Theorien sehen Verschwörungen häufig in der Regierung, wirtschaftlichen Instanzen oder in den Medien – Stichwort „Lügenpresse“. Ein bekanntes Beispiel ist die QAnon-Bewegung, die mittlerweile mehrere Millionen Anhänger hat. Viele davon werden über Telegram-Gruppen oder das Internet mobilisiert (Endrass et al., 2021).
Warum funktionieren Verschwörungstheorien?
Verschwörungstheorien werden nicht nur von weltfremden, illusionierten und in ihrer eigenen Bubble lebenden Menschen geglaubt. Ganz im Gegenteil: in Deutschland glauben – je nach Definition, was sich um eine Verschwörungstheorie handelt und was nicht, 10-30% der Allgemeinbevölkerung an Verschwörungstheorien (Endrass et al., 2021). Aber warum glauben Menschen solche teilweise noch so absurden Geschichten?
Darauf gibt es nicht die eine richtige Antwort. Auf psychologischer Ebene zentral ist die Erklärungsfunktion. Insbesondere in Krisensituationen und Zeiten der Unsicherheit bieten Verschwörungstheorien für einige Menschen eine Erklärung. Dies kann ihnen vor allem in Hinblick auf komplexe Sachverhalte das Gefühl der Kontrolle geben. In einer von Veränderungen geprägten Umwelt, erhalten Anhänger auf individualpsychologischer Ebene das Gefühl von Sicherheit und Stabilität. Auf kollektiver Ebene bilden sich Gemeinschaften und es entsteht ein Gefühl der Verbundenheit. Durch gemeinsame Feindbilder wird das Verbundenheitsgefühl dieser Gemeinschaften zusätzlich gestärkt. Zudem kann der Glaube an Verschwörungstheorien das Gefühl der Selbstbestätigung erzeugen. Betroffene fühlen sich überlegen und haben das Gefühl etwas Besonderes zu sein, da sie zu den Wenigen zählen, die die Wahrheit kennen. In Hinblick auf die verhaltensökonomische Ebene spielt der „Confirmation Bias“ eine wichtige Rolle. Menschen nehmen demnach verstärkt solche Nachrichten und Informationen wahr, die ihren eigenen Ansichten entsprechen, um eine kognitive Dissonanz zu vermeiden. So bestätigen sie sich zunehmend in ihrer eigenen Meinung und setzten sich weniger mit gegensätzlichen Perspektiven auseinander. Folge dessen ist häufig eine Polarisierung und der Verlust des Vertrauens in etablierte Medien und Expertenmeinungen (Enste & Kary, 2021). Es gibt also nicht den einen Grund, die eine Erklärung, warum Menschen zu Anhängern von Verschwörungstheorien werden. Es sind verschiedene Faktoren und Einflüsse, die dazu führen, dass die Narrative geglaubt werden (Aigner, 2021).
Verschwörungstheorien – eine Gefahr für die Demokratie?
Je mehr Menschen eine Verschwörungstheorie erreicht, desto schwerwiegender können deren Auswirkungen sein. Das wurde spätestens durch die Corona-Pandemie und die „Querdenker“ deutlich. An diesem Beispiel zeigt sich die strikte Ablehnung gegensätzlicher Positionen und eine Abwendung der Anhänger von der Gesellschaft. Folgen sind eine zunehmende Polarisierung und die Spaltung der Gesellschaft. Durch den fehlenden Diskurs wird auch der deliberativen Demokratie geschadet. Viele Verschwörungstheoretiker verlieren zudem das Vertrauen in die Regierung und das gesamte System. Durch das Misstrauen in die politischen Institutionen und etablierten Medien, geht häufig auch das politische Interesse verloren und demokratische Prozesse wie Wahlen, die in Frage gestellt werden. Auf diese Weise stellen Verschwörungsnarrative eine Gefahr für die Demokratie dar (Aigner, 2021). Hinzu kommt, dass sich Anhänger von Verschwörungstheorien häufiger radikalisieren. Oft nimmt die Aggressivität und die Gewaltbereitschaft zu – auch das zeigten uns in der Vergangenheit die Corona-Demonstrationen.
Wie weitreichend und demokratiegefährdend die Konsequenzen von Verschwörungstheorien sein können, beweisen auch der Sturm der Treppen des Reichstagsgebäudes in Berlin und der Sturm des Kapitols in den USA. Bei dem Angriff das Kapitol starben sieben Menschen, zahlreiche wurden verletzt. Ein Großteil der Angreifer zählte sich zur QAnon-Bewegung (Pöhlmann, 2021).
Was kann man dagegen tun? wie kann der Einfluss begrenzt werden?
Um die Verbreitung von Verschwörungstheorien einzudämmen und die Demokratie zu schützen, ist es wichtig miteinander in Diskurs zu gehen und Anhänger, oder Menschen, die zu solchen werden könnten, nicht auszuschließen und deren Ansichten strikt abzulehnen. Andernfalls besteht die Gefahr, dass sie sich immer mehr von der Wirklichkeit entfernen. Wichtig ist daher eine inklusive Kommunikation, sodass Menschen, die sich möglicherweise aus Unsicherheit in Verschwörungsnarrative flüchten, ihre Ängste und Sorgen mitteilen können, ohne dafür verurteilt zu werden. Studien zeigen außerdem, dass äußere Bestätigung die Selbstidentität, – Verantwortung- Wirksamkeit und das Selbstbewusstsein und so auch das Gefühl der Kontrolle stärken kann, wodurch das Individuum resistenter gegenüber äußeren Einflüssen wird. Die Stärkung der Resilienz ist daher ein wichtiger Faktor, der bereits im Kinder- und Jugendalter erlernt werden kann. Gerade im digitalen Zeitalter sollten außerdem die Medienkompetenz und die analytischen Fähigkeiten sowie Problemlösekompetenzen der Bevölkerung geschult werden, sodass Verschwörungsnarrative besser als solche enttarnt werden können. Durch Kommunikation, mehr Transparenz und eine bessere Information der Gesellschaft kann das Vertrauen in die Regierung gestärkt und Unsicherheiten reduziert werden (Enste & Kary, 2021).
Wie sich zeigt sind Verschwörungstheorien kein neues, aus der Digitalisierung und den modernen Medien hervorgegangenes Problem. Durch die neuen Möglichkeiten, die das Internet und soziale Medien bieten, wird deren Verbreitung dennoch vereinfacht. Wie anhand der genannten Beispiele deutlich wird, kann die Verbreitung von Verschwörungstheorien erschreckende Auswirkungen haben, die eine Gefährdung für das gesellschaftliche Zusammenleben und die Demokratie darstellen können. Gerade, weil durch den Faktor Internet, immer mehr Menschen erreicht und mobilisiert werden können, ist daher eine bessere Aufklärung und Information der Mediennutzer und der gesamten Bevölkerung notwendig, um Verschwörungsnarrative erst gar nicht so populär werden zu lassen.
Quellen
- Aigner, I. (2021). Verschwörungstheorien: Eine Publikation zur Aufklärung und Aufarbeitung. Bayrischer Landtag. 1. https://www.bayern.landtag.de/fileadmin/publikationen/ Forum_Antworten_Verschwoerungstheorien_210406_barrierefrei.pdf
- Endrass, J., Graf, M., & Rossegger, A. (2021). Verschwörungstheorien unter dem Blickwinkel der Forensischen Humanwissenschaften. Forensische Psychiatrie, Psychologie, Kriminologie, 15(2), 109-118.
- Enste, D.H. & Kary, J. (2021). Verschwörungsmythen besser verstehen: Hintergründe und Gegenmaßnahmen. IW-Policy Paper. 11.
- Götz-Votteler, K. & Hespers, S. (2019). Alternative Wirklichkeiten?: Wie Fake News und Verschwörungstheorien funktionieren und warum sie Aktualität haben. Bielefeld: transcript Verlag. https://doi.org/10.1515/9783839447178
- Pöhlmann, M. (2021). Tiefer Staat, Satanisten und Kinderblut. Hanns-Seidel-Stiftung. https://polit- x.de/en/documents/5718203/federal-level/stiftungen/hanns-seidel-stiftung/publikationen-2021-06-09-tiefer-staat-satanisten-und-kinderblut
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