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Die Wahrheit in Bedrängnis: Verschwörungstheorien in Sozialen Medien

By Sophia Skrdlant

Als ich vor der Covid-19-Pandemie über Verschwörungstheorien nachdachte, geschah dies immer auf einer abstrakten Ebene. Ein paar vereinzelte Menschen, weit entfernt von mir, glaubten an absurde Machtverhältnisse und Intrigen, daran, dass die Erde eine Scheibe ist und die Mondlandung nur inszeniert, so meine Wahrnehmung. Doch so plötzlich die Pandemie ausbrach, so schnell merkte ich, dass Menschen in meinem alltäglichen Leben davon überzeugt waren, dass Corona nicht existierte oder von Bill Gates in die Welt gesetzt wurde, um die Menschheit zu verringern. Bald darauf musste ich feststellen, dass mich logisches Argumentieren in diesen Diskussionen nicht voranbrachte, schlimmer, ich konnte auf einer Ebene der Logik mit diesen Menschen nicht mehr kommunizieren. Mein anfänglicher Optimismus, das Problem würde sich schnell durch ein paar gut recherchierte Artikel, durch wissenschaftliche Studien und die Nachrichten aus der Welt schaffen, wurde von zunehmender Frustration abgelöst, denn jeder wissenschaftliche Artikel wurde mit einer Handbewegung und der Bemerkung „alles Verschwörung“ abgetan.

Verschwörungstheorien in Demokratien

Dabei möchte ich betonen, dass es in diesem Blogpost um Verschwörungstheorien geht, nicht um eine gewisse Skepsis oder um Kritik an einzelnen Regeln. Die Covid-19-Maßnahmen waren eine große Einschränkung der persönlichen Freiheit jedes Einzelnen und darüber zu diskutieren, scheint mir ein grundlegendes demokratisches Prinzip zu sein.

Doch die Grenzen sind fließend: Wo fängt eine Verschwörungstheorie an, und wo hört extreme Skepsis auf?

Bei einer Verschwörung verbünden sich Menschen mit einem Ziel. Sie machen das im Geheimen, weil sie Menschen schaden wollen. Eine Verschwörungstheorie ist eine Theorie über solch eine Verschwörung. Dabei verbindet sie meistens drei Kennzeichen: Alles ist vermeintlich geplant, nichts ist so, wie die Realität scheint und alles ist miteinander verbunden. Jedoch unterscheidet sie, wie gefährlich sie sind: ob jemand nicht an die Mondlandung glaubt, ist für unser aller Zusammenleben nicht relevant. Wenn jedoch jemand daran glaubt, dass Corona-Impfungen gefährlich sind und deswegen hunderte von Impfdosen zerstört, dann ist das in einer weltweiten Pandemie ernst zu nehmen.

Schaut man sich die drei Hauptmerkmale an, dann liegt es auf der Hand, dass diese Denkweise nicht gesund für eine Demokratie sein kann. VerschwörungstheoretikerInnen glauben nicht an eine funktionierende Demokratie, in der jeder und jede ein Mitspracherecht hat. Für sie ist dies nur eine gespielte Oberfläche, die wirklichen Entscheidungen passieren dahinter, versteckt. In einer Demokratie werden Fehler gemacht und Mächtige nutzen, die ihnen gegebene Macht manchmal aus. Doch deswegen gleich von einer Verschwörung zu reden, ist ein einfaches Denken. Es ist schwarzweiß: Wir, die eingeweihten Guten, gegen die ganze, böse Welt. Sie lässt jede Ambiguität aus und ist nicht dialogfähig, denn jeder Begriff einer gemeinsamen Wahrheit fehlt. Das Kernelement der Demokratie, der Diskurs um das Beste Argument, wird somit ausgehebelt. Das macht sie so gefährlich, vor allem auch, weil fast jede Verschwörungstheorie in einen offensichtlichen Antisemitismus führt.

Soziale Medien als Katalysator für Verschwörungstheorien

“Wir kämpfen nicht nur gegen eine Epidemie, sondern gegen eine Infodemie”, warnte die Weltgesundheitsorganisation schon am Anfang der Covid19-Pandemie.

In einer Ausnahmesituation herrscht eine größere Verunsicherung innerhalb der Bevölkerung. Dies, in Kombination mit einer verstärkten Informationssuche, wie es bei der Corona-Pandemie der Fall war, sind für die Verbreitung von Falschaussagen und Verschwörungstheorien die besten Voraussetzungen.

Dabei zeigte sich in einer Studie von Eberl, Lebernegg und Boomgaarden, dass es einen positiven Zusammenhang zwischen dem Nutzen von YouTube und anderen sozialen Netzwerken (bzw. dem Vermeiden von ORF und Standard) und einer größeren Verunsicherung bei der Kategorisierung von Falschaussagen gibt. Auch wenn dies nicht mit verschwörungstheoretischem Denken gleichzusetzten ist, ist eine größere Verunsicherung in der Bevölkerung hinsichtlich wichtiger Aussagen ein Gewinn für die Falschaussage, so die AutorInnen.

Durch Algorithmen bilden sich zudem „Filterblasen“ in denen NutzerInnen hauptsächlich mit Inhalten konfrontiert werden, die ihre bestehenden Überzeugungen und Vorurteile nur noch mehr bestärken und bestätigen. Darüber hinaus sorgt die Anonymität des Internets dafür, dass Falschinformationen und unbewiesene Behauptungen als Wahrheit dargestellt werden, ohne angemessenes Hinterfragen der NutzerInnen. Dieser Teufelskreis aus Bestätigung, Verstärkung und Anonymität trägt dazu bei, dass sich Verschwörungstheorien in den sozialen Medien vor allem in Zeiten der Verunsicherung und Krisen unkontrolliert verbreiten und Menschen beeinflussen können.

Dabei müssen wir uns fragen, ob Sozial-Media-Plattformen nicht mehr in die Verantwortung gezogen werden müssen, strengere Richtlinien für die Verbreitung von Falschinformationen zu entwickeln. Oder ist es nur Aufgabe des Staates, durch Bildungs- und Aufklärungsarbeit, durch Kampagnen und Restriktionen die derzeitige Entwicklung einzudämmen? 

Bildung als wirksamste Vorbeugung

Verschwörungstheorien basieren auf dem Prinzip der Irrationalität, deswegen braucht es vor allem Bildung. Menschen müssen die Mechanismen hinter verschwörungstheoretischem Denken verstehen, um nicht selbst diesem Wahn zu verfallen. Auch kann gezielt die Medienkompetenz von Menschen gestärkt werden, indem sie lernen, kritisch zu denken, Quellen zu überprüfen und Fakten von Meinungen zu unterscheiden. Das ist Aufgabe von Schulen, denn immer jüngere Kinder sind mit dem World Wide Web konfrontiert, aber auch von anderen (Bildungs)-institutionen. Denn vor allem für Menschen, die keine „digital natives“ sind, kann es schwierig sein, mit der Informationsflut und dem „unendlichen“ Wissen des Internets umzugehen.

Spätestens seit der Pandemie ist klar, dass es Maßnahmen braucht, um Verschwörungstheorien vorzubeugen. Dafür braucht es eine flächendeckende und schichtenübergreifende (Medien)-bildung für alle. Denn ist jemand erst einmal in einem verschwörungstheoretischen Denken gefangen, ist der Weg zurück, dank Filterblasen in den sozialen Netzwerken und zunehmender Radikalisierung, umso schwieriger. 

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