Media Governance and Industries Lab Blog

Die Inklusion bereits Inkludierter

by Karin Inama

Das 21. Jahrhundert hat eine Reihe revolutionäre Entwicklungen mit sich gebracht, vor allem im Hinblick auf die europäische Identitäts- und Integrationspolitik. Der Begriff Integration wird von einem Großteil der Bevölkerung mit dem Konzept der Einverleibung von Zugewanderten verbunden, obwohl Integration auch innerhalb derselben Gesellschaft eine zentrale Rolle spielt. Laut dem Deutschen Bundesministerium des Innern und für Heimat soll Integration die „Chancengleichheit und die tatsächliche Teilhabe in allen Bereichen ermöglichen, insbesondere am gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben.“ Kurz gefasst kann Integration in gewisser Weise auch als Gleichberechtigung aller BürgerInnen eines Landes verstanden werden. Integration bedeutet also nicht nur die Inklusion von Menschen aus anderen Staaten, sondern auch jener innerhalb des eigenen Staates, die sich in einer benachteiligten Situation wiederfinden bzw. nicht dieselben Chancen haben, wie andere Gruppen derselben Gesellschaft. Dieser Ansatz gilt nicht nur für Österreich, sondern für die gesamte Europäische Union: Die Gleichheit von Frauen und Männern ist im Vertrag von Lissabon, der am 1. Dezember 2009 in Kraft getreten ist, als zentrales Recht festgelegt worden. Der Vertrag enthält gesetzliche Artikel in Bezug auf die Gleichstellung der Geschlechter, die Beseitigung von Ungleichheiten sowie die Förderung der Chancengleichheit von Männern und Frauen.

Und dennoch hat sich in den letzten Jahren ein höchst umstrittenes Thema in die gesellschaftspolitische Debatte des deutschen Sprachraums eingeschlichen: die sogenannte gendergerechte Sprache. Bevor ich auf die genaueren Beweggründe für die Einführung einer inklusiven Sprachnutzung eingehe, bedarf es einiger Begriffserklärungen.

Der Begriff Gender ist von Gayle Rubin, einer US-Amerikanischen Feministin, eingeführt worden, während die ebenfalls aus den USA stammende politische Philosophin Judith Butler den Begriff weiterentwickelt und im Rahmen ihres 1990 erschienenen Buches mit dem Titel „Gender Trouble: Feminism and the Subversion of Identity“ auf globaler Ebene verbreitet hat. Laut einer Definition von A. Blackstone ist der Begriff Gender „a concept that humans create socially, through their interactions with one another and their environments.” Gender entspricht also nicht dem biologischen Geschlecht eines Menschen, sondern ist ein gesellschaftliches Konstrukt, das sich durch soziale Interaktionen herausbildet und Charakteristika, Handlungen oder Werte, die innerhalb einer Gesellschaft als primär feminin oder maskulin angesehen werden, umfasst. Das Gendern soll auf sprachlicher Ebene also hauptsächlich den Zweck sozialer und politischer Gleichstellung aller Akteure innerhalb eines Staats garantieren.

Laut einer Definition des Dudens handelt es sich um gendergerechte Sprache, wenn wir „bestimmte sprachliche Mittel verwenden, um Menschen aller Geschlechtsidentitäten sprachlich sichtbar zu machen.“ Spätestens seit der Umänderung einer Strophe der österreichischen Bundeshymne von „Heimat bist du großer Söhne“ zu „Heimat großer Töchter und Söhne“, hat sich die Bedeutung sprachlicher Elemente besonders in der Gender- und Integrationspolitik herauskristallisiert.

Problematisch ist hierbei, dass Personen, die keine gendergerechte Sprache verwenden, oftmals ein intolerantes Verhalten gegenüber sozial benachteiligten Personen vorgeworfen wird. Das Gendern wird insofern als Zeichen von Akzeptanz und Integration angesehen und wer nicht gendert, gilt als konservativ. Und wer konservativ ist, ist aus der Sicht vieler BürgerInnen politisch rechts. Aus politikwissenschaftlicher Sicht sind Konservativität und eine politisch rechte Einstellung keinesfalls dasselbe, jedoch ziehen viele Menschen voreilige Schlüsse aufgrund bereits bestehender Assoziationen. Dies kann nicht nur im politischen, sondern auch im gesellschaftlichen Umfeld zu Missverständnissen und Vorurteilen führen.

Der Grundgedanke des gendergerechten Sprachgebrauchs ist die Verknüpfung von sprachlicher mit sozialer Ungleichheit. Konkret will man also das Problem von gesellschaftlichen Ungleichheiten auch im linguistischen Umfeld adressieren und somit einen weiteren Schritt in Richtung Egalität und Integration aller BürgerInnen vornehmen. Immer mehr liberale PolitikerInnen sprechen somit nicht mehr nur von Wählern, sondern selbstverständlich auch von WählerInnen. Das einzige Problem, welches ich im Laufe der vergangenen Jahre zunehmend wahrgenommen habe, ist das vermeintliche Bemühen um die Integration und Gleichstellung von Minderheiten bzw. sozial benachteiligten Gruppen. Dieses „Bemühen“ bezieht sich hauptsächlich auf die sprachliche Ebene, sprich dem Gendern, und weniger auf die politisch-performative Ebene, die auf Handlungen basiert.
Ein symbolischer Handlungsansatz bringt dem größten Inklusionsidealisten nichts, wenn alle Handlungen auf symbolischer Ebene bleiben und nicht in die Tat umgesetzt werden. Als Frau, die aus politischer Sicht eine sozial benachteiligte Gruppe darstellt, würde ich mich eher darüber freuen, wenn der Gender-Pay-Gap verkleinert würde oder eine gleichmäßige Aufteilung zwischen weiblichen und männlichen politischen Rollen gegeben wäre, anstelle eines weiblichen Suffixes am Ende eines Wortes. Wie sagt man so schön: Easier said than done.

Schroff ausgedrückt bringt es keiner Minderheit etwas, wenn sie zwar aus sprachlicher Sicht inkludiert wird, aber im konkreten politischen Alltag dennoch nicht zu Wort kommt. Ich kann das Argument, dass man irgendwo klein anfangen muss, zwar verstehen, jedoch nehme ich abgesehen von gendergerechter Sprache wenig Initiative seitens der Politik wahr. Die Verwendung von gendergerechten Nomina mag zwar für die meisten ein Gefühl von aktivistischem Handeln implizieren, aber die Realität hat sich trotzdem kaum verändert. Frauen sind immer noch benachteiligt, die LGBTQ+-Community stößt bei einem Großteil der Bevölkerung auf Ablehnung und auch ein gegenderter Gesetzestext ist nicht in der Lage, historische Gegebenheiten von einem Tag auf den anderen zu transformieren.

Was sich hingegen historisch verändert hat, ist der Wandel von Wählern zu Wählerinnen – Stichwort Frauenwahlrecht 1918. Um einen historischen Wandel wie zu jener Zeit herbeizuführen, reicht es schlicht und ergreifend nicht aus, zwei weitere Buchstaben an ein Wort anzuhängen und dies als politische und gesellschaftliche Integration marginaler Gruppen zu bezeichnen. Die Grundvoraussetzungen, sprich die politischen und rechtlichen Normen, sind zwar gegeben, aber ein Wandel kann sich nur durch aktives Handeln vollziehen.

Hypelinks

Quellenverweise

  • Blackstone, A. M. (2003). Gender roles and society.
  • Butler, J. (2007). Gender Trouble: Feminism and the Subversion of Identity. Routledge.

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