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Ende der Privatsphäre – WhatsApp will künftig alle Daten in Facebook importieren

By Philip Barone

Ich kann mich noch erinnern, als ich mir im Jahr 2010 mein erstes Smartphone zugelegt habe. Als ich mich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis nach den „must- have“ Apps erkundigt habe, war fast bei jedem Befragten die Antwort, ich müsse mir zuallererst den gratis Chat- und Nachrichtendienst WhatsApp herunterladen. Das war dann auch die erste App, die ich mir aus dem Appstore gezogen habe. So gut wie alle meine engeren Kontaktpersonen kommunizierten über diesen Dienst. Im Jahr 2014 wurde WhatsApp vom Webgiganten facebook für die schlappe Summe von 19 Milliarden Dollar aufgekauft. Mittlerweile nutzen knapp zwei Milliarden Menschen weltweit den Messenger Dienst.

Aktuell geht eine Meldung durch die Medien, dass der Mutterkonzern facebook nun alle personenbezogenen Daten und Informationen seiner Tochterunternehmen (darunter WhatsApp und Instagram) nutzen will. Dazu zählen zum Beispiel Informationen wie Telefonnummern, IP-Adressen, Nutzungsdaten, Namen, Bilder und Statusmeldungen. Diese neuen Nutzungsbestimmungen sollen ab dem 08.02.2021 gültig sein. Wer diesen nicht zustimmt, kann den Nachrichtendienst nicht weiterverwenden – außer in Europa. (Mehr dazu findest du hier und hier)

In Europa wird dieser Versuch, Daten zu horten und weiterzugeben, durch die geltende Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) etwas schwieriger umzusetzen sein. Denn diese DSGVO besagt, dass: „Daten von EU-Bürgern dürfen nur noch dann gesammelt werden, wenn diese aktiv zustimmen (‚Opt-in‘ anstatt ‚Opt-out‘) […] Der Bürger soll […] wissen, wer welche seiner Daten sammelt“ (AK, 2019). Nachrichten aus WhatsApp sollen laut der facebook Privacy-Focused Vision jedoch nicht eingesehen werden. Was jedoch auch in Europa möglich sein wird, ist es, Metadaten zu sammeln – wie zum Beispiel: Mit wem schreibe ich? Wann schreibe ich mit welchen Personen und wieviel?

Facebook will dadurch ihre Services und vor allem ihren Hauptgeschäftszweig – zielgerichtete Werbeschaltungen verbessern. Denn je mehr personenbezogene Dateninformationen vorhanden sind, desto genauer kann Werbung auf facebook verbreitet werden. Durch das Monitoren, also das Beobachten von Nutzerverhalten auf den Plattformen kann facebook den genauen Zeitpunkt eruieren, an dem sich Nutzer „gestresst, niedergeschlagen, überwältigt, ängstlich, dumm, nutzlos und als Enttäuschung fühlen“ (Zuboff, 2019). Mit diesem Wissen kann facebook den genauen Zeitpunkt definieren, wann welche Werbung am Meisten impact auf die gewünschte Zielgruppe hat.

In Europa sind wir also dadurch in unserer digitalen Privatsphäre noch etwas besser geschützt als der Rest der Welt. Doch definiert jeder Mensch Privatsphäre anders. Manche behaupten vielleicht, dass sie nichts zu verbergen haben und gerne jeder, der möchte, in ihre Daten einsehen kann. Der in New York lebende Geschäftsmann, best selling Buchautor und Medienmanager Gary Vaynerchuk bevorzugt es, eigenen Angaben zufolge, dass Technologie alles über ihn weiß. Er behauptet, dass die Dämonisierung von Technologie nur dazu diene, die persönliche Eigenverantwortung abzuschieben und jemanden Anderen für seine Taten zu verantworten. Gary Vee konstatiert, dass Europas wachsende wirtschaftliche Irrelevanz viel mit dessen generellen Umgang mit Technologie und Privatsphäre zu tun habe. Und dass es ein Nachteil für Europa wäre, sollten sich Unternehmen wie facebook und Google dazu entscheiden, ihre Dienste in Europa einzustellen.

Doch das Gefühl, sich ständig beobachtet zu fühlen kann das individuelle Freiheitsgefühl eines Menschen beeinträchtigen. Denn nicht zu wissen, wann genau man beobachtet wird, ähnelt einer Methode aus dem 18. Jahrhundert, eingeführt von dem Philosophen Jeremy Bentham. Er hat das Panoptikum erfunden – dabei handelt sich um den Bau eines hohen Turmes inmitten eines z.B. Gefängnisses. Von dort aus kann jeder Insasse zu jeder Zeit beobachtet werden, ohne es zu wissen. Dieser Umstand führt zu erwünschtem Verhalten der Beobachteten. Doch an Stelle von hohen architektonischen Bauwerken kommt in der heutigen digitalen Welt künstliche Intelligenz in Form von Algorithmen zum Einsatz. Näheres zu diesem Thema findest Du hier zum Ansehen, bei einem Vortrag von Glenn Greenwald.

Diese Algorithmen können anhand von hinterlassenen Nutzerdaten, wie sie WhatsApp und facebook von jedem User beim Benutzen der App sammelt, zukünftiges Verhalten der Nutzer hervorsagen. Ein weiterer Fußabdruck, der inzwischen von dieser künstlichen Intelligenz interpretiert und gelesen werden kann, sind Züge des menschlichen Gesichts. Diese Algorithmen sind dank des technischen Fortschritts in der Lage, Nuancen psychodemographischer Eigenschaften von Menschen zu erkennen. Dazu zählen unter anderem sexuelle Orientierung, politische Gesinnung, der generelle Gesundheitszustand oder sogar, ob jemand eher introvertiert bzw. extrovertiert ist. Jetzt mag der ein oder andere Europäer oder Amerikaner behaupten:
„Was interessiert es mich, ob jemand weiß, ob ich körperlich gesund bin und was meine sexuellen Neigungen sind?!“. Das stellt für freie, demokratische Länder kein offensichtliches Problem dar – jedoch kann es in totalitären Regimen im schlimmsten Fall sogar über Leben und Tod entscheiden.

Und mit dem stetigen Wachstum des technischen und digitalen Fortschritts werden diese Algorithmen und Berechnungen immer besser und zuverlässiger in ihren Vorhersagen von menschlichem Verhalten. Das bedeutet schlussendlich, dass die Privatsphäre eines jeden Nutzers immer geringer wird. Das behauptet auch der Psychometriker Michal Kosinski und er beschreibt genauer: „We need to essentially not fight for privacy because it’s gone – and I would love it back, but it’s gone. […] We kind of lost the war on privacy” (Kosinski). Den Google Talk von Michal Kosinski kannst du dir hier in voller Länge ansehen.

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