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Greta und die österreichische Boulevardpresse

By Nina Bäuerle

Greta Thunberg ist ein Name, der mittlerweile allen bekannt ist. Spätestens seit ihrer flammenden Rede auf dem UN-Klimagipfel in New York im September 2019 ist die schwedische Aktivistin jedem ein Begriff. Das zierliche Mädchen, das alleine vor den Politiker:innen steht und mit fester Stimme nach Maßnahmen zur Sicherung einer Zukunft für die nächsten Generationen fordert, polarisiert: Einerseits als Ikone und Heldin in den Himmel gehoben, andererseits als Schulschwänzerin oder realitätsfernes kleines Mädchen abgestempelt. Aber eines ist klar: jede:r kennt Greta, und jede:r hat eine Meinung über sie.

Am 20. August 2018 protestierte die damals 15-jährige Greta Thunberg noch allein in Stockholm vor dem Reichstagsgebäude mit einem Schild, auf dem in großen Buchstaben
„Skolstreijk för klimatet“ (Schulstreik für das Klima) geschrieben stand – es gesellten sich allerdings schnell Gleichgesinnte zu ihr. Drei Wochen lang saß Greta jeden Tag vor dem Reichstagsgebäude, um auf den Klimaschutz aufmerksam zu machen, bis hin zu den schwedischen Parlamentswahlen. Die sogenannte Fridays For Future-Bewegung (benannt nach dem Wochentag, an dem die Demonstrationen stattfinden) breitete sich schnell aus: Laut der offiziellen Fridays For Future-Website finden mittlerweile Proteste in 7.500 Städten auf sämtlichen Kontinenten statt, an denen sich mehr als 14 Millionen Menschen beteiligen. Das Ziel? Die Einhaltung des Pariser Klimaabkommens, das die Erderwärmung auf 1,5°C gegenüber vorindustriellen Werten begrenzen will, und die globale Klimagerechtigkeit.

Mittlerweile erhielt Greta Thunberg für ihren Einsatz etliche Preise und Auszeichnungen: darunter den Right Livelihood Award, der auch als „Alternativer Nobelpreis“ bezeichnet wird und einen Platz auf der Forbes „Most Powerful Women“ Liste.

Bereits eine Woche nach ihrem ersten Streik vor dem schwedischen Reichstagsgebäude tauchte die Klimaaktivistin das erste Mal in den deutschsprachigen Medien auf. Seitdem ist sie ein beliebtes Thema in der Presse: Allein im Jahr 2019 erschienen mehr als 2500 Meldungen in österreichischen Print-Tageszeitungen, die ihren Namen enthalten. Aber trotz ihrer erstaunlichen Errungenschaften und ihrem raketenartigen Aufstieg, sind ihr die Medien nicht unbedingt gutgesinnt: In Analysen der Berichterstattung über Greta Thunberg und Fridays For Future wurde herausgefunden, dass die Medien die Protestierenden oftmals als „Schüler:innen“ oder „Träumende“ charakterisieren und die Fridays For Future Proteste häufig mit Schulschwänzen gleichgesetzt werden. (Bergmann, 2018: 286ff)

Auch eine Analyse der Berichterstattung über Greta Thunberg in den österreichischen Boulevardmedien wurde durchgeführt. Durchleuchtet wurden Artikel in der Kronen Zeitung und der Heute, die im Zeitraum Januar bis März 2019 und im Zeitraum Januar bis März 2020 veröffentlicht wurden. Dabei wurden sieben Kategorien der Berichterstattung über Greta und Fridays For Future gefunden:

  1. Berichte über aktive Handlungen von Greta Thunberg
  2. Greta Thunberg und Fridays For Future/Demonstrationen für das Klima
  3. Greta als Heldin oder Rollenvorbild
  4. Andere Menschen berichten über Greta oder geben ihre Meinung ab
  5. Greta Thunberg und die Erwachsenen, oder Greta Thunberg und die politische Elite
  6. Persönliche Informationen über Greta Thunberg
  7. Sonstiges (alles Weitere)

Am häufigsten wurde in den Medien über Handlungen und Aktionen Gretas berichtet, an zweiter Stelle stehen Berichte über Fridays For Future. Auffallend ist allerdings, dass bis auf einen alle Artikel über Fridays For Future 2019 veröffentlicht wurden, vermutlich da aufgrund der Covid-19 Pandemie und damit einhergehenden Lockdowns die Fridays For Future Demonstrationen im Folgejahr auf die sozialen Netzwerke verlegt wurden.

Bei Vergleich der beiden Zeiträume sieht man, dass die wertende Berichterstattung stark zugenommen hat, insbesondere die negative Berichterstattung. Während 2019 nur 2% der Artikel ein negatives Licht auf Greta oder Fridays For Future warfen, erhöhte sich dies 2020 auf 14%. Bei näherer Betrachtung einzelner Beiträge allerdings kann man sehen, dass auch auf den ersten Blick neutral erscheinende Berichte einige negative Elemente beinhalten: Zum Beispiel durch die Auswahl der Themen, Formulierung der Schlagzeile, abfällige Spitznamen für die Aktivistin oder Schilderung persönlicher Details, wie ihre psychischen Krankheiten kann von ihrem Aktivismus abgelenkt oder sie als unglaubwürdig dargestellt werden.

So wird Greta Thunberg in den Medien auch häufig als jung und kindlich, weniger ernstzunehmend oder realitätsfernes Mädchen dargestellt. Ein Artikel mit dem Titel „Wir sind Gretas Eltern“ aus der Kronen Zeitung vom 31. März 2019 charakterisiert Greta Thunberg deutlich als Kind: Beschreibungen wie „mit ernstem Blick und glühenden Wangen“ und Bezeichnungen wie „Teenagergirl“, „Tochter Greta“, „die berühmteste Schulschwänzerin der Welt“ oder „Pippi Langstrumpf des Klimas“ werden auf sie angewendet. Auch in dem Bericht
„Mutige Jugend“, der am 8. Februar 2019 in der Heute erschien, wird auf ähnliche Weise über sie geschrieben: sie wird als „schüchternes Mädchen“ und „noch fast kindlich“ bezeichnet.

Sprache und Beschreibungen wie jene dienen dazu, einerseits von Gretas Botschaft abzulenken, andererseits sie aufgrund ihres jungen Alters als zweifelhaft aussehen zu lassen.

Dass die Berichterstattung über Greta und Fridays For Future oft sehr ambivalent ist, ist bekannt und kann bei einem kurzen Blick in die Zeitungen bestätigt werden. Dass die Medien durch den Framing-Effekt (also die Art, WIE über etwas berichtet wird) die öffentliche Meinung stark beeinflussen können, ist ebenfalls klar. Nach der Untersuchung der Berichterstattung in der Kronen Zeitung und in der Heute, den zwei reichweitenstärksten Boulevardzeitungen Österreichs und gleichzeitig den zwei reichweitenstärksten Tageszeitungen allgemein in Österreich ist es also wenig überraschend, dass die Bevölkerung der Person Greta Thunberg und dem Thema Klimaschutz gegenüber teilweise kritisch eingestellt sind. Auch eine Analyse der Medienberichterstattung über Greta Thunberg und der daraus resultierenden Meinung der Öffentlichkeit wäre in dem Zusammenhang interessant.

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