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Berichten in der Flüchtlingskrise: Alte Stärken und neue Formen des Journalismus

Von: Mag. Olivera Stajic-Fidler, CvD bei derStandard.at (Austrian Daily Newspaper online) / Leiterin von daStandard.at

Auch wenn es paradox klingt: Ausnahmesituationen sind eine gute Gelegenheiten, um die eigene journalistische Arbeit zu hinterfragen und zu optimieren. So gesehen leben wir, in vielerlei Hinsicht, in goldenen Zeiten für den Journalismus.

In Zeiten der sogenannten Flüchtlingskrise ist die demokratiepolitische Rolle, die die klassischen Medien  haben, wichtiger denn je. Neben der möglichst umfassenden sachlichen Berichterstattung, müssen Journalisten ihre traditionelle Aufgabe als Gatekeeper und Factenchecker besonders erstnehmen.

Traditionelle Medienmarken sind in der Zwischenzeit nur eine Stimme von vielen, die um die Gunst der Informationshungrigen buhlen. Immer öfter findet der Leser/User seine Quellen auf den Social Media-Kanälen oder Blogs. Dass dort Informationen verbreitet werden, die nicht immer auf gründlichen Recherchen basieren, ist eine Tatsache, die traditionelle Medien interessieren, besorgt machen aber nicht entmutigen soll: Faire und erhellende Berichterstattung ist in Zeiten der Krise gefragter denn je.

Im Falle der Flüchtlingsströme, mit denen sich Europa derzeit konfrontiert sieht, heißt das konkret: Auf alarmistische Schlagzeilen verzichten,  Gerüchte journalistischen Realitätschecks unterziehen, Hintergrundinformationen über die Ursachen der Flucht und Migration liefern und  – und das ist die besonders sensible Seite der Berichterstattung – der anonymen Masse der Flüchtenden durch das herauspicken einzelner Geschichten ein Gesicht geben. Es gibt allerdings keinen Konsens darüber – auch nicht in unserer Redaktion, ob Journalisten dabei neutral oder engagiert, sachlich oder gar aktivistische agierten sollen.

Sachlichkeit oder Mitleid

Mein persönlicher Zugang ist es, dass man einem ohnehin stark emotionalisierten Thema, wie dem der Flucht, im Zweifelsfall lieber mit sächlicher Argumentation als mit sogenannten Herzschmerzgeschichten begegnen sollte. Das heiß nicht, dass man sich nicht mit einzelnen Schicksalen beschäftigen und sie dem Leser näherbringen soll, denn konkrete Fälle tragen viel zum Verständnis der Gesamtsituation bei. Doch wenn Flüchtende ausschließlich als bemitleidenswert und hilflos  und nicht als selbstbestimmt handelnd Individuen dargestellt werden, begeben wir uns auf das dünne Eis des Betroffenheitsjournalismus.

Beim STANDARD beobachtet ich große Bemühungen ein Gleichgewicht zwischen den unterschiedlichen Zugängen zu finden. Wir liefern Analysen und Kommentare, bemühen uns böswillige Gerüchte und Verschwörungstheorien durch Faktenchecks zu entkräften, erzählen individuelle Fluchtgeschichte, kommentieren die offenkundige Planlosigkeit der politischen Entscheidungsträger, hören den Kritikern und Besorgten zu, sei es auf Social Media oder in unseren Foren. Und außerdem stemmen wir auf „derStandard.at“ auch die komplexe Aufgabe der Live-Berichterstattung.

Live-Bericht online

Neben den oben bereits erwähnten  Standards, die Redaktionen der Qualitätsmedien tagtäglich nach bestem Wissen und Gewissen einzuhalten versuchen, ist schnelle Aufarbeitung sich sehr dynamisch entwickelnder Situationen eine besondere Aufgabe, der wir uns fast tagtäglich  in unseren Live-Berichten stellen. Dabei binden wir unterschiedliche Quellen und Medien ein: Eindrücke, Fotos und kurze Videos der Kollegen vor Ort, Tweets unterschiedlicher Akteure sowie natürlich klassische Agenturmeldungen.

Das alles geschieht oft in beeindruckender Geschwindigkeit. Minutenschnelle Entscheidungen über die Zuverlässigkeit einzelner Quellen – dabei denke ich vor allem an Social Media, die uns  als Recherchequelle und Feedback-Kanal zugleich dient – entscheiden darüber, ob wir das Vertrauen unserer Leser weiterhin behalten. Dieser Art von Live-Berichterstattung erfordert umfangreiches Hintergrundwissen, um schnelle Einordnungen treffen zu können. Es sind also zusätzlich zu neuen Zugänge auch die „alten“ journalistischen Werkzeuge gefragt.

Das Format des Liveberichtes ist aber auch eine Möglichkeit, die sogenannten „Normalität des Ausnahmezustands“ zu zeichnen. Vor wenigen Tagen habe sich unsere Chefredakteure zusammen mit Videojournalisten und Regional-Korrespondenten an die Grenzen in Spielfeld (Steiermark) und Kollerschlag (Salzburg) aufgemacht, um von unterschiedlichen „Hotspots“ eindrücke und Geschichten über die durchreisende Flüchtlinge zu liefern. Auch (online) Live-Berichte müssen also nicht zwangsläufig alarmistisch sein.

Über diese neuen Formen der Berichterstattung (in der Krise) und über Social Media als  Quelle und Feedbackkanal sowie über neue Aufgaben und alte Stärken des Journalismus würde ich gerne mit Ihnen diskutieren.

Fr. Stajic nimmt am 2 Dezember an folgender univiennamedialab Veranstaltung teil:

Event: Refugees, Media & International Law

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